Bali – Meine Schubladen für Touristen und ich

von | 4. Apr 2020 | Bali, Persönlich

Schubladen für Urlauber

Bei unserer Reise durch Bali habe ich schon viele, viele unterschiedliche Menschen gesehen. Doch die meisten von Ihnen trugen irgendwie immer eine Rolle oder haben sich ähnlich verhalten. Tadaa, also wurden Kategorien gebildet!

Mittlerweile sind kaum noch Touristen unterwegs, wodurch ich meine „Beobachtungen“ gerade nicht fortführen kann, so nehme ich also eine Art Rückschau – wie wir früher einmal waren. Ein guter Anlass für die Veränderung ab heute..

Bisher unterteile ich in 5 Gruppen von Urlaubern (das wurden beim Schreiben irgendwie immer mehr..).

Lass es mich unterteilen in:
Entspannt | Territorial | Ignorant | Stock im Arsch | Instagram Lifestyle

Dann mal los…

Entspannt

Meist sind es Backpacker oder Menschen auf der Selbstfindung, welche auch oft mit kleinen Kids durch die Gegend ziehen. Sie sind immer irgendwie aktiv, aber durch nichts und niemanden aus der Ruhe zu bringen. Manchmal von außen betrachtet vielleicht etwas zu entspannt, doch bringt diese Art zu Reisen sicherlich viel Ruhe und dennoch Erlebnisse.

Es sind meist liebevolle Menschen, die alle Gegebenheiten respektieren und jeden so lassen wie er ist. Wenn etwas nicht klappt, oder schief geht – dann ist das okay!

Sie sind oft unauffällig und gleich wieder verschwunden, manchmal war ich noch verwundert, welche Formen von Rücksäcken, Tragesysteme für die Kids und Verpflegung sie mit sich rumtragen – zack wieder weg…

Bisher bin ich diesem Typ Urlauber nur in den preiswerteren Unterkünften begegnet oder in Cafés bzw. auf der Straße. Ich mag sie einfach

Territorial

Dann kommen mehr die „klassischen Urlauber“. Da sind die Territorialen, welche glauben, nur weil sie „viel Geld“ für Ihren Urlaub gezahlt haben (andere natürlich nicht), dass das gesamte Gelände, inklusive Strand und Restaurant exklusiv nur ihnen zusteht.

Am Strand laufen sie wie aufgescheuchte Gockel um Ihre Liege herum und versuchen wie Libellen Ihren Bereich frei von Ungeziefer zu halten. Natürlich werden in den Morgenstunden nicht nur Handtücher auf die Liegen gelegt, es kommt mir fast vor, als möchten sie wie Kinder ein kleines Zelt aus Tüchern und Decken bauen. Leider scheitert dies nur an den Ignoranten, welche sich einfach nicht verscheuchen lassen wollen…

Also stehen Sie den restlichen Tag in Gruppen um Ihre Liegen herum und beobachten das Geschehen im Umfeld und plappern, sobald etwas außerhalb des gewünschten Rahmens läuft. Da verlässt jemand die Regeln!!!

Zuhause stehen sie ja sonst immer am Gartenzaun und beobachten Ihre Straße…

Ignorant

Auf der einen Seite sind da die Ignoranten – die Art von Menschen, die hier „im Urlaub“ sind.

So werden alle Angestellten wie „niederwertiges Volk“ behandeln und gleichzeitig für leicht doof verkauft.

Wenn etwas nicht passt, dann ist das nicht ihr Problem – sollte etwas runter fallen, dann hat bitte jemand zu kommen, um das aufzuheben. Das Buffet soll aufgefüllt werden? Ja, können sie gerne machen, so bald mein Teller voll ist.. Ich steh dir im Weg? – ach ne, fällt denen ja gar nicht auf..

Unter den Ignoranten gibt es noch die Ausprägung der Status-Marken-Proleten… Schau mich an, ich hab ein Tommy Hilfiger T-Shirt an, eine Gucci-Cap, einen Prada-Bikini.. so stolzieren Sie wie Schaufensterpuppen durch die Gegend, auf der Suche nach Aufmerksamkeit und Bewunderung. Uaaah, da schaudertst mich gleich…

Stock im Arsch

Ich find sie sooo witzig! Meist sind sie unbewusst einfach nur verunsichert oder voller Angst, was mich oft daran hindert, wirklich zu lachen.. aber sorry, trotzdem lustig!!

Wenn sie ein Restaurant betreten, beträgt ihr Sichtblickwinkel nur ca. 25 Grad und die Kopfbewegung ist ebenfalls stark eingeschränkt. Sie setzen sich dann genau an diesen EINEN Tisch, und Versteinern im Augenblick des Hinsetzens. Die Kommunikation mit dem Personal beschränkt sich auf minimale Worte wie „No – yes – here – thanks“.

Geschuldet durch ihre minimale Kommunikation, welche meist auch noch vernuschelt ist, bekommen sie selten geliefert, was sie sich bestellt haben.

Mein Highlight dazu:

Eine Frau bestellt ein Eistee und eine Erdbeerbowl. Geliefert wurde genau – ein Erdbeereis…

Der Blick war so köstlich! „Was ist das!? Naja, nix sagen – Essen und nichts anmerken lassen“. Also hat sie etwas verwirrt das Eis gegessen und immer wieder um sich geschaut, ob da noch was kommt..

In der freien Wildbahn ist der Typ Stock im Arsch meist gekreuzt mit Ignoranten oder Territorialen. Was ich dabei immer wieder spüre, so viele würden so gerne anders sein – endlich die Erwartungen anderer loslassen – endlich so sein, wie sie wirklich sind..

Aber das könnten sie nicht mehr kontrollieren… Trau dich und lass los!

Instagram Lifestyle

Oh Gott, euch hab ich satt!

Das ist wohl der neueste Urlaubertyp –  sie sind mutiert aus den Entspannten, Territorialen und Ignoranten. Beim genauerem Hinsehen fällt mir auf, irgendwie funktioniert die ganze Welt genauso, wie sie sich hier verhalten.

Das erste Mal aufgefallen sind sie mir in Legian (Kuta). Wir sind im Sand am Strand gesessen und haben auf dem Sonnenuntergang gewartet. Eine wunderschöne Kulisse. Während im Meer noch vereinzelt Surfer waren, verließen bereits einige den Strand, um sich auf zum Abendessen zu machen. Es wurde ruhig, romantisch und ein Augenblick zum Genießen entstand.

Als es dämmerte und der Sonnenuntergang begann, begann auch die Show!

Menschen (teilweise in Gruppen), kamen lautstark direkt ans Wasser gerannt und zückten Ihr Handy. Die Suche nach dem perfekten Motiv beginnt, wenn ein Foto schön geworden ist, kam sofort „oh ja, dass brauch ich auch!“ – also wurde das Model gewechselt. Wenn jemand im Weg ist, wird sich einfach VOR diese gestellt, die sitzen ja schließlich hier nur rum!

Die meisten von ihnen waren gestresst, irgendwie fast schon gereizt. Für die Bilder wurde kurz ein Lächeln aufgesetzt, wenn es aber nicht perfekt war, kippte die Stimmung… Boaaah.., dann halt noch eins! Nachdem die Bilder geschossen waren, sind sie wieder so schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht waren.

Hey Leute, der Sonnenuntergang ist echt schön!! Schaut doch mal, hier ist genug Platz für uns alle!! Na gut, dann genießen wir halt alleine…

Der Pool in Ubud zeigte mir in Vollendung, was ich bereits in Kuta vernommen habe… Menschen kommen zum Pool, machen das „perfekte Foto“ – verhalten sich wie Libellen – verjagen alles im Umfeld mit Nachdruck – und sind danach wieder genauso schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht waren. Auf dem Foto wird kurz gelächelt und gestrahlt und anschließend wieder gejammert und gemeckert. Was für eine Assi-Energie!

Was ist das für ein Leben, das dort gezeigt wird?

Besonders amüsant war für mich eine Situation am besagten Pool in Ubud.

Ein deutsches Pärchen (irgendwas zwischen 25-35 Jahre alt) sitzt direkt neben mir und beide waren schon bei Ihrer Ankunft am Meckern, wie ungeil das hier doch alles ist. Die ganzen Menschen, irgendwie alles ekelig und was sollen sie überhaupt morgen machen?

Sie diskutierten: „Die Schaukel für das Bild mit dem Parnoramablick ist so weit weg und ich habe keine Lust mehr auf dem Roller zu sitzen, nur für die neuen Instabilder“.
Wow – ich verhalte mich einfach ruhig und lasse mir nicht anmerken, dass ich sie verstehe.

Ergebnis nach 10 Minuten meckern: Sie hat Hunger, er will noch mal eine Bombe ins Wasser machen und beide fragen sich, warum hier so viele Menschen sind (es waren 5 Personen am Pool – mit Ihnen).

Egal, es werden trotzdem die Lichtverhältnisse ausgelotet. Da der Pool noch so besucht ist, werden zunächst Unterwasseraufnahmen mit der GoPro geschossen. Dann der Augenblick, nur noch sie und ich am Pool – Sylvia kommt aus dem Zimmer dazu (ich hatte sie „gerufen“), die Stimmung sinkt – egal, jetzt oder nie! Die Sonne steht gerade so gut..

Akribisch wird diskutiert, welcher Winkel der Beste ist, um nicht nur diese hässlichen langweiligen Dächer (der ehrlich gesagt mega gestalteten Bungalows) zu sehen, sondern Palmen und der Infinity Pool!

Anschließend folgen Kommandos: „dreh dich mal etwas nach links, ne; mach das so wie Sissi auf ihrem letzten Bild gestern auf ihrem Profil; weiter links; etwas mehr Spannung im Rücken; man sieht dich gar nicht; gerade hast du richtig gut ausgesehen – jetzt komm schon!; Setz dich schnell da drüben hin…“

– dann mein Highlight – mit laut erhobener tiefer Stimme zum „Fotomodell“ gerufen:
„JETZT ENTSPANN DICH MAL, sonst wird das nichts, wie du das für Insta willst“

 – hahahaha, ich musste mir mittlerweile das Lachen krampfhaft verkneifen…

Meine Ausführung stellt bei weitem nur ein Auszug des Erlebten dar, Kino pur – doch dieses wiederholte Erlebnis führte mich dazu, die Menschen in unserem Umfeld genauer zu beobachten und vor allem zu reflektieren.

Genau genommen erlebe ich diese Situation jeden Tag – denn mindestens 80% der Menschen in Sozialen Medien spielen das gleiche Spiel. Es wird immer nur das schönste Foto gepostet, gezeigt was alles gut läuft – kurz gelächelt und posiert für das Bild, während die Welt dahinter ganz anders aussieht.

Sind die meisten Menschen nicht einfach nur einsam?

Sylvia hat mir neulich aus einem Buch eine schöne Beschreibung von Einsamkeit geschildert und dieser gehe ich absolut mit.

Einsam sein bedeutet nicht zwingend alleine zu sein, sondern niemanden zu haben, der wirklich mitempfinden bzw. nachempfinden kann, wie es einem in Inneren geht.

Und dann bin ich schon wieder bei der jetzigen Situation mit diesem „Virus“, ich begrüße diese Auszeit der Welt wirklich auf voller Ebene! Lasst und doch bitte mal wieder verletzlich zeigen, so wie wir sind und uns gegenseitig unterstützen – ernsthaft zuhören und gegenseitig stärken, egal was der andere vor hat!

Da kommt die Frage in mir hoch – wozu gehöre denn ich? Welcher Urlauber bin ich?

Irgendwie versuche ich mich mal wieder aus den ganzen Systemen raus zu ziehen – welch Wunder – … Ich wäre gerne der Entspannte und bin dann doch öfter mal das Sofakissen – ach ne, die hab ich ja Stock im Arsch genannt.. Und genauso oft empfinde ich das Bedürfnis, beeindruckende Bilder zu posten, um Bewunderung zu erhalten. Dann erinnere ich mich an meine Verurteilung der Instagram Lifestyler und halte meine Zügel stramm.

Also Rückbesinnung…

Ich bin hier auf Bali, weil ich entspannen möchte, mich selbst und vor allem meine „Berufung“ finden will. Die letzten zwei Jahre waren bei mir geprägt von Aufgeben und Neuanfängen. Ich habe so viele Sachen, die ich beruflich machen könnte, doch gleichzeitig verliere ich bei bisher allem nach sehr kurzer Zeit das Interesse – besser gesagt die Überzeugung, dass ich das wirklich machen möchte.

Ich fühle (hoffentlich bald fühlte) mich wohl in der Opfer-Rolle…

Da sind wir wieder beim Thema Instagram Lifestyle – ich möchte ein konstantes Bild nach außen tragen, nicht zeigen, dass ich hadere mit dem, was ich mache. Das Nächste, mit dem ich nach draußen gehe, MUSS wirklich etwas sein, von dem ich begeistert bin und endlich mal wieder dran bleibe…

Ein Damoklesschwert, dass über diesem „Urlaub“ hängt.. ich muss mich finden, sonst heißt es für mich: zurück in das System, wieder einen normalen Job annehmen… da werde ich traurig und etwas verängstigt!

Was will ich hier finden und wie lange möchte ich noch im Außen danach suchen?

Nach Bali gekommen bin ich / wir durch eine sehr kuriose Situation im Flugzeug. Wir waren vor kurzem erst auf Mallorca, zu einem Unternehmertreffen. Dort waren nur Menschen, die eine ähnliche Ausbildung im Thema NLP und Hypnose durchlaufen haben, wie ich. Kontext des Treffens war, sich gegenseitig zu unterstützen und das Unternehmen der jeweiligen Menschen auf das nächste Niveau zu bringen.

Auf das Treffen will ich hier gar nicht eingehen – nur so viel, jeder hat etwas ganz anders erhalten, als er sich im Vorfeld vorgestellt hat. Credo des Ganzen – der harte, anstrengende Weg des Kämpfens und noch mehr Arbeiten war es nicht… Schluss mit den Machtspielchen!

Der spannende Teil war für mich persönlich die Rückreise. Im Flieger habe ich das Hörbuch von Gespräche mit Gott – Teil 2 gehört.. spannender Inhalt, welcher mich immer mehr ins Nachdenken gebracht hat und irgendwann einfach nur noch in mich hinein hören und spüren.

Für einige Minuten war ich wie weg, kein Gedanke, kein Träumen.. da schoss es in mich herein – „ICH MUSS AUS DEUTSCHLAND WEG – verreise so schnell es geht“… Okay?

Ich war doch gerade erst auf dem Heimweg von einer Reise? Das Ganze wurde etwas umfangreicher und führte dazu, dass ich, als wir das Flugzeug verlassen haben, zu Sylvia nur in sehr ernster Stimme überzeugt sagte: „wir müssen reden!“. Nach erster Verwirrung sagte ich nur: „alles gut – lass uns Essen gehen, bevor wir zuhause ankommen…“

So gab es genau drei Möglichkeiten in mir: ab nach Hawaii, Neuseeland oder Bali. Und ein Veto für Sylvia. Mit etwas Überraschung stimmte sie zu, mein Ausdruck wahr doch sehr überzeugt und ohne Fragezeichen. Und ich bin sehr dankbar dafür!

Nur ehrlich gesagt, ich hatte keine Ahnung, wieso ich weg wollte (oder sollte?)! Egal, wir regelten alles, so schnell es uns entspannt möglich war und dann ab in den Flieger – ohne Rückflugticket, für 4-6 Wochen nach Bali.

Heute bekomme ich langsam eine Ahnung, warum ich hier bin, denn diese ganze Situation auf der Welt lässt sich von hier wie ein Beobachter erleben.. Ja, es gibt hier auch Einschränkungen und vor allem schließt hier nach und nach das meiste, da das Geld hauptsächlich über Touristen verdient wird.

Doch die Einheimischen gehen hier freiwillig nach Hause und bleiben dort und die meisten Touristen (einschließlich uns) bleiben hier freiwillig.

Plötzlich ist eine ganz andere Stimmung hier!

Was mir jetzt auffällt, wo nur noch wenige Menschen hier auf der Insel sind – meine Kategorien treffen nicht mehr zu! Es sind so individuelle Menschen, diese kann ich in keine der oben erwähnten Schubladen stecken! Die Stempel passen einfach nicht!

So beginnt seit ca. einer Woche eine weitere Reise… die Menschen, die hier geblieben sind, kommen langsam wieder aus Ihren Höhlen heraus, wir sehen wieder Leute rumlaufen, beim Joggen und beim Essen. Es wird gelacht, es wird sich ausgetauscht – das Leben im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten genossen…

Ich bin dankbar hier zu sein, und ich verstehe langsam, warum ich mich hier nie wie ein Urlauber gefühlt habe..

Ich bin gespannt, wo mich diese Reise noch hinführen wird!

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